Wie Schmalensee vor 80 Jahren das Kriegsende erlebte
Die Überschrift klingt lapidar, selbstverständlich, und doch ist uns die Zeit des Zweiten Weltkriegs als Teil der Phase des „Dritten Reiches“ meist durch Bilder sogenannter „Nazi-Größen“, von weit entfernten Kriegsschauplätzen, der Befreiung großer Konzentrationslager und vielem mehr bewusst. Mindestens der Blick auf das Denkmal schräg gegenüber des Gasthofes aber unterstreicht, dass auch ein kleines Dorf wie Schmalensee in dieser Zeit abbildete, was das Große Ganze beschäftigte, und dass zig Einzelschicksale dies widerspiegeln.
Mehr noch als im Ersten Weltkrieg war die Bevölkerung im „gleichgeschalteten“ nationalsozialistischen Staat in dessen Kriegsvorbereitungen involviert gewesen, nicht nur Mitglieder der NSDAP, die es selbstverständlich auch in Schmalensee gegeben hat. Die Tätigkeit des Reichsluftschutzbundes, Kriegsspiele der Hitlerjugend und die Wiedereinführung der Wehrpflicht in Verbindung mit Aussagen der Staatsführung zu politisch-strategischen Zielen, Inhalte des Schulunterrichts sowie die Zentralisierung der Landwirtschaft im „Reichsnährstand“ zum Zwecke der Ernährungssicherheit in Krisenzeiten waren recht deutliche Vorboten gewesen – abgesehen von einem Buch namens „Mein Kampf“ eines gewissen Adolf Hitler.
Der Zweite Weltkrieg dann brachte Schmalensee die Abwesenheit zahlreicher Männer zum Kriegsdienst (einige zum zweiten Mal nach 1918), den Einsatz von Kriegsgefangenen und sogenannten Fremdarbeiterinnen und -arbeitern auf den Höfen, zunehmende Beschränkungen bei der Versorgung und schließlich den Zuzug Geflüchteter und die Besetzung des Dorfes durch britische Truppen.
Es folgt nun ein Blick in die Aufzeichnungen des Arbeitskreises Dorfgeschichte, die aus der Durchsicht von Presseartikeln und Zeitzeugenaussagen und weiterer Quellen resultieren. Diese Auflistung erfolgt weder mit m Anspruch auf Vollständigkeit, noch in der Gewissheit, frei von Fehlern zu sein.
1. Mai 1945
Der „Führer“ Adolf Hitler hat Selbstmord begangen und die neue „Reichsregierung“ um den eingesetzten Reichspräsidenten, Großadmiral Dönitz, setzt sich über Lübeck, Eutin und Plön und letztlich nach Flensburg ab. Bei Lauenburg haben alliierte Verbände die Elbe überschritten und dringen nach Norden vor.
In holsteinischen Dörfern wie Schmalensee befinden sich neben der Bevölkerung immer mehr aus dem Osten ausweichende Flüchtlinge, sich nach Norden zurückziehende militärische Einheiten, Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter. Letztere, auch „Fremdarbeiter“ oder „Ostarbeiter“ genannt, sind in Schmalensee auf jedem Bauernhof in unterschiedlicher Zahl vorhanden, haben dort Quartiere, ersetzen mit ihrer Arbeitskraft die kriegsbedingt abwesenden Bauern und Landarbeiter.
Sie dürfen offiziell keinen Familienanschluss haben – zum Beispiel nicht am selben Tisch Mahlzeiten einnehmen. Das berichten Zeitzeugen, die auch zum Ausdruck bringen, dass dies von Hof zu Hof unterschiedlich gehandhabt worden sei. Kriegsgefangene sind vornehmlich Franzosen. Während die Zwangsarbeiterinnen und -arbeiter im Meldebuch der Gemeinde als Teil der Wohnbevölkerung erfasst und bei der AOK in Bad Segeberg versichert sind, unterstehen die Gefangenen dem Militär, werden von älteren Soldaten bewacht, und sind laut Überlieferung im landwirtschaftlichen Teil der Hufe 1 – Gasthof Voß – untergebracht. Von dort werden sie täglich zu ihren „Arbeitgebern“ gebracht und abends wieder eingeschlossen.
Soweit zur Ausgangslage.
2. Mai 1945
In der Nacht auf den 3. Mai findet ein großer Luftangriff auf Kiel statt. Auch auf Flensburg fallen ein letztes Mal Bomben. In Bad Segeberg befestigt ein Arbeiter heimlich und unter Lebensgefahr am 48 Meter hohen Schornstein der Margarinefabrik (heute Kaufland) eine aus Betttüchern genähte 20 Meter lange weiße Fahne.
Zu Luftangriffen erinnert sich Elke Clodius, geborene Saggau: „Bei den Bombenangriffen (auf die umliegenden Städte) wurden alle Kinder angezogen und auf gepackte Koffer gesetzt. Peinlich genau wurde die Verdunkelungspflicht genommen. Kein Licht durfte draußen sichtbar sein, um nicht von Fliegern entdeckt zu werden; dazu fanden Kontrollen statt. Schon 1943 war eine Schulklasse aus Kiel mit ihrer Lehrerin nach Schmalensee evakuiert worden. Meiner Mutter wurden zwei siebenjährige Mädchen zur Aufnahme zugeteilt und in Pflege übergeben. … Im Mai 1945 normalisierte sich langsam alles. Die beiden Kieler Kinder, inzwischen neun Jahre alt, kamen zu ihren Eltern nach Kiel zurück.“
3. Mai 1945
Als am Morgen der Bürgermeister von Bühnsdorf telefonisch der Segeberger Kreisverwaltung das Eintreffen englischer Soldaten meldet, fahren der stellvertretende Bürgermeister von Bad Segeberg, August Marxen, und ein Oberleutnant Adler diesen im Auto mit weißer Fahne entgegen, um die Kreisstadt kampflos zu übergeben. Die Engländer rücken in die Stadt ein, besetzen u.a. das Rathaus (in dem sie alle Hitlerbilder von den Wänden nehmen) und untersagen dem Verleger des Segeberger Kreis- und Tageblatts den Weiterbetrieb der Zeitung. Die letzte Ausgabe erschien am 2. Mai 1945.
Auch Neumünster wird kampflos an eine britische Abordnung übergeben. Nach letzten schweren Luftangriffen am 7. und 13. April ist der Verteidigungswille der Stadtführung um Oberbürgermeister Kracht gebrochen. Bei Brokenlande stehen britische Truppen, die schließlich am 4. Mai in Neumünster einrücken werden. Kracht übergibt die Stadt aber formell schon am 3. Mai gegen 18 Uhr im Rathaus der Stadt.
In Flensburg nimmt am 3. Mai um 19.30 Uhr der „Reichssender Flensburg“ den Betrieb auf. Über diesen spricht ab 20.21 Uhr Rüstungsminister Albert Speer zur Bevölkerung, mahnt diese, Disziplin zu wahren und eine Lähmung des öffentlichen Lebens zu verhindern. In der Nacht auf den 4. Mai findet der letzte Luftangriff der Alliierten auf Kiel statt.
Flüchtlinge kommen nach Schmalensee
Speer gehört der unter Großadmiral Dönitz gebildeten Reichsregierung an, die vor allem das Ziel verfolgt, das Gebiet nördlich des Nord-Ostsee-Kanals offenzuhalten, um Truppen und Flüchtlinge aufnehmen zu können. Flüchtlinge, strömen schon seit Monaten aus dem Osten kommend ins Land. Am 23. April 1945, als die Schmalenseer Gemeindevertretung ein letztes Mal vor dem Kriegsende im Haus von Bürgermeister Heinrich Harder tagte, wurde im Protokoll festgehalten: „Zur Zeit ist in der Gemeinde Schmalensee eine Luftwaffeneinheit von 250 Mann untergebracht. An Flüchtlingen und Evakuierten („Ausgebombte“ und in Sicherheit gebrachte Kinder aus den Ballungsräumen) sind z.Z. 290 Personen aufgenommen.“
Elke Clodius, eine gebürtige Schmalenseerin, hat ihre Erinnerungen zur Ankunft und Unterbringung der Geflüchteten geschildert: „Sie kamen meist im Verband mit zehn von Pferden gezogenen Ackerwagen, ganze Dorfgemeinschaften oder Verwandte. Diese Trecks waren als fahrbare Behausungen hergerichtet, als Dach der Wagen waren Gestelle gezimmert und mehrfach mit Teppich belegt, darüber landwirtschaftliche Plane befestigt, um Wind und Wetter abzuwehren. Im Innern des Wagens waren Habseligkeiten, zum Teil Nahrung, und die Familienmitglieder. Die Trecks zogen durch die Straßen, bis sie eine Bleibe in irgendeinem Ort fanden. Wenn es dunkel wurde, bekamen die Pferde von den Landwirten Futter und Wasser, ebenso wurden die Flüchtlinge notdürftig versorgt oder es wurde zwangsevakuiert: Die Hauseigentümer durften nur noch ein Wohnzimmer und ein Schlafzimmer, eventuell bei mehreren Kindern ein weiteres Zimmer und eine Küche bewohnen. Weitere Räume wurden beschlagnahmt und den Flüchtlingen zugewiesen. Meist erhielt eine Familie von bis zu drei Personen einen Raum, da wurde eine 'Brennhexe' mit Abluftrohr eingebaut, um zu kochen. Im Erdgeschoss wurde aus einem Fenster eine Tür nach außen eingebaut und fertig war die Unterkunft.“
4. Mai 1945
An diesem Tag kommt es laut Chronik des Kreisfeuerwehrverbandes Plön von 1993 zu einem letzten schweren Luftangriff auf Plön. Umliegende Feuerwehren werden zu Löscharbeiten dorthin beordert, was aber durch den Einsatz von Tieffliegern erschwert wird. Der Wehrführer der Freiwilligen Feuerwehr Hohenfelde wird laut Bericht durch Beschuss getötet.
Zu Tieffliegerangriffen hat Zeitzeuge Heinz Kröger, damals 14 Jahre alt, Erinnerungen geschildert: „Wenige Tage vor Kriegsende, Anfang Mai 1945, erlebte Schmalensee einen Tieffliegerangriff. Diese hatten es auf eine Wehrmachtskolonne abgesehen, die beim Hornshof auf der Reichsstraße Deckung unter den Chausseebäumen suchte. Dabei wurde der Hof in Mitleidenschaft gezogen. In Schmalensee hörte man den Lärm der Flugzeuge und ihrer Bordwaffen. Vor Tieffliegern war stets gewarnt worden und wir kannten Berichte von ihren Angriffen, insbesondere auf Eisenbahnzüge. Doch das Dorf selbst geriet nicht unter Beschuss.“ Von seinem Elternhaus am Weg nach Belau habe er zwei Flieger dabei beobachten können, die immer wieder auf den Bereich Hornshof herab gestoßen seien und gefeuert hätten.
Ein Tieffliegerangriff bei Schmalensee
Den Angriff auf den Hornshof hat auch Karla Scharnweber aus der Überlieferung geschildert: Anfang Mai lagerte mehrere Tage eine Gruppe deutscher Soldaten, Art und Anzahl unbekannt aber mit Fahrzeugen, auf der Hauskoppel des Hornshofs. In Abwesenheit von Karlas Vater Karl Suhr, der an der Grenze zu den Niederlanden Kriegsdienst leistete, führte Großvater Gustav Suhr den Hof, auf dem es auch polnische Gefangene gab. Er versuchte, die Soldaten dazu zu bewegen, sich gegen Feindfliegersicht zu schützen und im Eichengrund unterzuziehen. Doch er wurde der Feigheit bezichtigt und ignoriert. Dann kamen die Jagdbomber, die Hof und Koppel unter Beschuss nahmen und Bomben abwarfen. Im ersten von zwei Angriffen wurde das Wohnhaus des Hofes getroffen. Die Suhrs und die bei ihnen einquartierte Flüchtlingsfamilie Menge suchten Zuflucht in einem schmalen Flur zwischen Haupthaus und Pferdestall. Auf der einen Seite brannte der Wohntrakt nieder, auf der anderen starben alle Pferde bis auf eine tragende Stute. Eine neu eingezogene Betondecke schützte die Zivilisten, während zahlreiche Soldaten versuchten, irgendwo am Hof Schutz zu finden. Nach kurzer Ruhepause flüchteten die Suhrs und Menges in das noch heute stehende Altenteil. Ein zweiter Angriff folgte. Als dieser auch beendet war, lagen 36 Bombentrichter um den Hornshof herum. Wie durch ein Wunder wurde kein Mensch getötet oder schwer verletzt.
Die Stadt Kiel wird vom NS-Oberbürgermeister am 4. Mai kampflos an die Briten übergeben.
Der 4. Mai könnte auch der Tag sein, an welchem erste Engländer Schmalensee passieren, um zügig auf Plön vorzustoßen, wo man der Reichsregierung Dönitz habhaft werden will, die man dort noch vermutet. Laut Zeitzeuge Heinz Kröger seien die ersten zwei Kolonnen britischer Einheiten nur in schnellem Tempo auf der Chaussee von Westen kommend durch Schmalensee gefahren. Erst die wohl dritte habe hier Halt gemacht und erste Maßnahmen ergriffen: Waffen wurden sichergestellt, vermutlich Durchsuchungen vorgenommen und Personalien aufgenommen, um Angehörige von Partei, Polizei und Militär festzustellen.
Hoffnung auf und Angst vor Briten
Zu den letzten Kriegstagen und der Ankunft der Briten eine Aussage von Heinz Kröger: „Zuletzt herrschte vor allem der Wunsch vor, dass britische Truppen unsere Gegend besetzen mögen. Erste Flüchtlinge und die Propaganda verbreiteten die Angst vor der sowjetischen Armee mit den Gewalttaten, die sie in Ostdeutschland an der Bevölkerung verübt hatte. Diese Besorgnis herrschte monatelang. Bevor dann britische Truppen Schmalensee erreichten, vergruben viele Einwohner ihre in Gläser und Dosen eingekochten Lebensmittelvorräte in den Gärten. Es herrschte Unsicherheit, ob die Kriegsgegner selbst über hinreichend Verpflegung verfügten. Doch diese Sorge sollte sich bald schon als unbegründet herausstellen, so dass die Kisten bald wieder ausgegraben werden konnten.“
Laut Heinz Kröger war Schmalensee auf die Ankunft alliierter Truppen „vorbereitet“, aber: „Kampfhandlungen gab es in oder um Schmalensee nicht. Der Dorfeingang nach Bornhöved war zum Anlegen einer Panzersperre aus Baumstämmen bestimmt. Die Stämme wurden aber, als britische Truppen näher kamen, nicht in die dafür ausgehobenen Bodenlöcher gesteckt. Es war wohl einfach niemand bereit, die Sperre zu schließen. Der aus den älteren Männern des Dorfes gebildete Volkssturm kam nicht zum Einsatz.“
5. Mai 1945
Um 8 Uhr tritt die Teilkapitulation der Wehrmacht im Norden in Kraft. Sie gilt für Holland und Dänemark, Friesland und Schleswig-Holstein sowie das nördliche Niedersachsen. Erste britische Einheiten erreichen Kiel. Damit ist der Krieg in Schleswig-Holstein offiziell beendet. Dönitz verbietet die weitere Zerstörung von Betrieben und Infrastruktur. (Was das Militär nicht davon abhält, U-Boote, Schiffe, Munition und Giftgas in der Ostsee zu versenken – mit Wissen Dönitz'.)
Nicht alle Militärangehörigen sind damals willens gewesen, weiterzukämpfen oder in Gefangenschaft zu gehen. Die spätere Schmalenseerin Anni Hahn, geborene Penk, berichtete von ihrer Odyssee als Luftwaffenhelferin, die von Ostpreußen über die Niederlande mit der Bahn in Richtung Ascheberg führen sollte. Im Bereich Perdöl sei der Zug von Tieffliegern attackiert worden, die es auf die Lokomotive abgesehen hätten. Es habe Tote gegeben und erst nach Heranführen einer Ersatzlokomotive aus Richtung Ascheberg sei es nach dorthin weitergegangen. In Ascheberg hätten die beiden Offiziere, die die Gruppe junger Frauen führten, für diese noch Quartier in der Schule gemacht, ihnen Handgeld ausgezahlt und sich, in Zivilkleidung, in Richtung Kiel abgesetzt.
Absetzung ist auch, was Heinz Kröger mit den Kenntnissen eines Hitlerjungen zu berichten wusste: Im Karkhop zwischen Schmalensee und Stocksee habe sich eine Fernmeldeeinheit selbst aufgelöst. „Die Soldaten der Einheit ließen dort vieles zurück. Anfangs, als sie noch dort waren, hantierten wir durchaus noch mit ihnen an Waffen, schossen zum Beispiel mit Karabinern in die Baumkronen. Was mit diesen Waffen, von denen wir keine etwa mit nach Hause nahmen, geschehen ist, weiß ich nicht. Aber sicherlich wurde der Karkhop später gesäubert und alles sichergestellt.“
6. Mai 1945
Nach Aussage der polnischen Zwangsarbeiterin Wera Letun / Veronika Huryn ist dieser Sonntag der Tag, an dem die Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter in Schmalensee das Kriegsende erleben. Einige Männer begeben sich mit Fahrrädern nach Neumünster, um die Lage zu erkunden. Bei ihrer Rückkehr berichten sie von völlig überfüllten Auffanglagern für die so genannten „Displaced Persons“. Vor allem die hygienischen Bedingungen seien katastrophal. Das Gros der Ausländer entscheidet sich, auf den Schmalenseer Höfen zu bleiben und beteiligt sich noch am Rübenhacken. (Karsten Dölger 2000, „Polenlager Jägerslust“.) Tatsächlich ist dem Meldebuch der Gemeinde zu entnehmen, dass eine Vielzahl der in Schmalensee gemeldeten Zwangsarbeiterinnen und -arbeiter erst Ende Mai / Anfang Juni 1945 das Dorf verlässt, in der Regel mit Ziel Neumünster.
An diesem 6. Mai 1945 kommt laut Gefallenendenkmal der Schmalenseer Erich Stölting ums Leben. Er ist einer von sieben als gefallen geltenden Einwohnern des Dorfes, drei weitere Militärangehörige gelten als vermisst.
7. Mai 1945
Um 12.45 Uhr spricht Graf Schwerin von Krosigk, Vater des späteren Segeberger Landrats, Reichsfinanzminister und letzter Reichskanzler, über den Reichssender Flensburg und kündigt die nahende Gesamtkapitulation und das Ende des Krieges an. Die Kapitulation wird am 8. Mai 1945 um 23.01 Uhr in Kraft treten.
Aus der Stockseer Schulchronik erfahren wir rückblickend: „Anfang Mai 1945 wurde der Krieg durch die „bedingungslose Kapitulation“ Deutschlands beendet. … Auf Anordnung der Militärregierung wurden alle Personen, die zur NSDAP gehört hatten und sich propagandistisch hervorgetan hatten, aus ihren Stellungen entlassen. So wurde auch Herr Lehrer Hanse seines Amtes entsetzt und die Schule in Stocksee wurde geschlossen.“ Folgt man den weiteren Einträgen der Stockseer Schulchronik, dann wird dort scheinbar nach Absetzung von Lehrer Hanse recht lange kein täglicher Unterricht mehr gegeben: „Mitte Januar 1946 wurde der Unterricht an der Schule wieder aufgenommen. Lehrer Guttmann, Schmalensee übernahm vertretungsweise die Schule, Schule war nur jeden zweiten Tag.“ Vermutlich ist der Eintrag undeutlich formuliert. Leo Guttmann war selbst 1945 als Flüchtling gekommen und unterrichtete in Schmalensee – und sehr wahrscheinlich bis Mitte Januar 1946 unregelmäßig auch in Stocksee.
8. Mai 1945
Die Briten halten am Tag des Endes des Zweiten Weltkriegs (in Europa) im Bad Segeberger Kalkbergstadion – der Nordmarkfeierstätte oder auch Thingstätte der Nationalsozialisten – in Gegenwart des Feldmarschalls Montgomery eine Siegesfeier ab. Um 12.30 Uhr hat sich Großadmiral Dönitz, das deutsche „Staatsoberhaupt“, über den Reichssender Flensburg an die Bevölkerung gewandt und das nahende Kriegsende verkündet.
10. Mai 1945
Wankendorfs Chronist Volker Griese berichtet 2019, dass an diesem 10. Mai 1945 Wankendorf und Umgebung von der First Squadron der 4. Panzerbrigade der 7. britischen Panzerdivision besetzt worden sei.
Auch in Schmalensee findet in dieser Zeit eine „Besetzung“ statt, indem eine militärische Einheit hier stationiert wird. Diese nimmt die Ortsmitte in Beschlag, insbesondere den Gasthof, und verhängt eine Ausgangssperre im Dorf. Zwischen Damsdorfer Straße (Dreiecksplatz mit der Eiche) und der Meierei wird mit Schlagbäumen eine Sperrzone eingerichtet, die nicht passiert werden darf. Ältere Schmalenseerinnen und Schmalenseer erinnern sich noch heute, dass sie deshalb den Umweg über den Hof Wulf (Griese) die Hauskoppeln oberhalb des Dorfes bis zur Damsdorfer Straße gehen mussten. Außerdem, so Heinz Kröger, herrschte eine nächtliche Ausgangssperre. „Englische Soldaten patrouillierten durch das Dorf und achteten darauf, dass alle in ihren Unterkünften blieben. An Hausdurchsuchungen kann ich mich nicht erinnern, wohl aber an die Androhung. Allerdings schauten die Besatzungssoldaten überall mal vorbei, machten sich ein Bild von den Leuten.“
Ausgangssperre und Schlagbäume
Über die Tätigkeit der britischen Soldaten, vermutlich eine schottische Einheit, liegen nur spärliche Informationen vor. Es soll sich unter aderem um eine Instandsetzungseinheit gehandelt haben. In der Familie Böckmann existiert eine Gruppenaufnahme vor einem Zelt, die das ausdrücken soll. Laut Trappenkamp-Chronik von Stefan Wendt (1992) war Schmalensee ebenso wie Rickling Sitz einer Kommandantur. Damit könnte der von den Besatzungssoldaten in Beschlag genommene Gasthof mit den Schlagbäumen gemeint sein.
Auch Karla Scharnweber weiß etwas zur eingeschränkten Bewegungsfreiheit zu berichten: „Zwischen Bornhöved und Schmalensee, an der alten Plöner Chaussee in Höhe der heutigen Gärtnerei, befand sich am Chausseewärterhaus vor und nach Kriegsende ein Schlagbaum. Wollte man hier entlang nach Bornhöved, mussten die Papiere vorgelegt werden.“
Heinz Kröger wusste von der „Inbesitznahme“ Schmalensees ergänzend zu berichten: „Zum Kriegsende diente Schmalensee, wie sicherlich andere Orte auch, als 'Außenlager' der Marine in Kiel: Auf dem Saal des Gasthofs Voß und in der Scheune der Schule war Wehrmaterial eingelagert. Das Gerät im Gasthof wurde durch die Engländer nach der Besetzung der Gegend rasch entdeckt. Für die Dorfjugend war es dagegen noch möglich, sich in der Schule umzuschauen. Dort gab es zum Beispiel Scherenfernrohre, die unser Interesse weckten. Ich selbst bediente mich bei Elektronikartikeln, zum Beispiel Transistoren und Kabeln, mit denen ich zu Hause herumbasteln konnte.“
Schmalensee und das Arsenal Trappenkamp
Zunächst unentdeckt geblieben war das Marine-Sperrwaffenarsenal Trappenkamp auf dem Gebiet der heutigen gleichnamigen Ortschaft. Es war auf staatlichem Grund als Produktionsstätte in Nähe zum Kriegshafen Kiel errichtet und gut getarnt worden. Zwangsarbeiter oder Kriegsgefangene kamen hier nicht zum Einsatz, das Arsenal bot Menschen aus der ganzen Umgebung Arbeit, die mit Bussen oder der Kiel-Segeberger Eisenbahn in die Munitionsfabrik pendelten.
Johannes Behrend aus Schmalensee, ein Veteran des Ersten Weltkriegs, arbeitete offenbar als Magazinarbeiter in Trappenkamp und war zudem Angehöriger der „Heimatflak Trappenkamp“, wie ein alter Ausweis aussagt. Wer dort tätig war, war bei Strafandrohung zur Verschwiegenheit verpflichtet, und so sollen die Alliierten eher zufällig nach der Besetzung Neumünsters dort von Trappenkamp erfahren haben, das sie aus der Luft nicht hatten aufklären können.
Übrigens: Laut amtlicher Mitteilung des Segeberger Kreis- und Tageblattes vom 14. April 1945 hätte an diesem 10. Mai 1945 auf dem Ringreiterplatz noch die Musterung von bis zu 61 Pferden für eine Verwendung in der Wehrmacht erfolgen sollen.
In den folgenden Tagen und Wochen
In Schleswig-Holstein werden an Nord- und Ostsee (Ostholstein) Internierungszonen eingerichtet, in denen die aus ehemals besetzten Ländern zurückkehrenden Angehörigen der deutschen Wehrmacht vorläufig festgesetzt werden. Sie werden dort auf Anweisung der Besatzungsmacht von deutschen Offizieren geführt und von den Briten entnazifiziert und „abgewickelt“. Die britische Besatzungsmacht wird zudem im Juni in Bad Segeberg (auf dem heutigen Möbel Kraft-Gelände) ein regionales Entlassungslager für Wehrmachtsangehörige einrichten, die in den Raum Schleswig-Holstein und Hamburg entlassen werden sollen oder wollen.
Zur Internierungszone Ostholstein weiß Karla Scharnweber von ihrem Vater Karl Suhr zu berichten, dass dieser am 9. Mai 1945 mit einem Fahrrad nach Hause kam. Er hatte sich von seiner Truppe entfernt und zum Teil in Gesellschaft durchgeschlagen. Wenige Tage später wurde er von Besatzungssoldaten abgeholt und in die Internierungszone im Raum Ostholstein gebracht. Otto Saggau, ein ehemaliger Schmalenseer Hufner, der sich auf einer Landstelle nahe des Bungsbergs niedergelassen hatte, kam zum Hornshof, holte einen Rucksack voller Verpflegung und spielte diesen Karl Suhr zu.
Der Verbleib der Zwangsarbeiter
In Neumünster werden wiederum die zur Arbeit hierher verschleppten Menschen „abgewickelt“: Das Meldebuch der Gemeinde Schmalensee, von dem Auszüge die während des Krieges im Dorf befindlichen Zwangsarbeiterinnen und -arbeiter betreffend in den Arolsen-Archiven zu finden sind, nennt in mehreren Fällen die Daten 3. oder 4. Juni 1945 als die der Abmeldung. Zielort ist demnach Neumünster. Dort, im Lager Ehndorfer Straße, werden die „Displaced Persons (DP)“ gesammelt und später repatriiert oder, wenn sie sich erfolgreich haben bewerben können, in die USA oder nach Kanada weitergeleitet, wo sie sich eine neue Existenz aufbauen.
Das Arbeitsbuch für Ausländer der Zwangsarbeiterin Wera Letun / Veronika Huryn belegt, dass am 3. Juni 1945 ihr Arbeitsverhältnis in Schmalensee endet (sie war auf dem Hof Schnohr tätig). Nach Aufforderung durch die britische Besatzungsmacht verlassen die im Dorf befindlichen Ausländer fast einen Monat nach ihrer Befreiung Schmalensee und müssen sich in das Auffanglager begeben. Die Schmalenseer Bauern müssen die Menschen mit Verpflegungsrationen für drei Tage ausstatten und nach Neumünster fahren.
Verpflegung ist auch für die vielen ins Dorf gekommenen Flüchtlinge von Bedeutung. Karla Scharnweber erinnert sich: „Die Flüchtlingskinder waren schulpflichtig. Täglich erhielten sie in der Schule eine heiße Suppe – nix dolles mit 'n büschen wat bin, die sie in den Schulbänken löffelten. Zubereitet wurde diese in einem großen Waschkessel in der ehemaligen Werkstatt von Tietgen (Dorfstraße 4) neben dem Ladengeschäft von Beatrix Blunk. An Samstagen erhielten dann auch die einheimischen Kinder etwas aus dieser Küche, meist Kakao. Wahrscheinlich, damit wir uns nicht benachteiligt fühlten.“
Einen schweren Stand habe laut Karla Scharnweber der nach Absetzung von Bürgermeister Heinrich Harder durch die Briten eingesetzte Willy Harder gehabt: Er musste die Flüchtlinge auf die Schmalenseer Haushalte verteilen, meist den Willen der Eingesessenen brechen.
Teilen mit den Flüchtlingen
Die Gemeinde habe Dinge des alltäglichen Bedarfs an die Flüchtlinge verteilt, wenn sie solche zugewiesen bekam. Das erste Fahrrad erhielt laut Karla Scharnweber der Flüchtling August Treptow. Dieser arbeitete im Tensfelder Moor und musste nunmehr nicht länger zu Fuß dorthin kommen.
Aber so, wie auch Wohnraum zwangsweise mit den vielen schon deutlich vor dem Mai 1945 ins Dorf gekommenen Flüchtlingen zu teilen war, hatten die Schmalenseer auch von ihrer eigenen Habe abzugeben, wie ein handschriftlicher Bescheid Willy Harders zeigt, der sich in Besitz der Familie Stegelmann befindet. Offenbar ging es dabei um die Ausstattung für einen männlichen Flüchtling, denn neben unter anderem einer Wolldecke, einem Bettlaken und einem Kissenbezug waren „1 Männerhemd“ und sogar „1 Schlips“ abzuliefern.
Außer dem Gefallenendenkmal gibt es in Schmalensee eigentlich nichts, das optisch oder physisch als Spur einer der schlimmsten Epochen unserer Geschichte betrachtet werden kann. Mitunter ist, nach Stürmen, der Kampfmittelräumdienst an und auf dem Schmalensee zu beobachten. Die Begründung liefert wiederum Heinz Kröger: „Im Sommer 1945 entsorgten die Engländer sichergestellte Munition im Schmalensee. An mehreren Stellen, zum Beispiel nahe unseres Hauses, dort, wo heute Familie Cuwie ihre Badestelle hat, konnten sie mit ihren Lastwagen nahe genug ans Wasser fahren. Vom Cluser Fischer hatten sie Boote, mit denen sie alle Arten von Munition auf den See hinausfuhren und dort versenkten.“
Entlassungen aus uniformierten Diensten
Im Sommer 1945 endet für manche Schmalenseerinnen und Schmalenseer, die in irgendeiner Uniform am Krieg teilgenommen hatten und nicht in Gefangenschaft gehalten werden, der Zweite Weltkrieg mit ihrer Entnazifizierung und offiziellen Entlassung aus den entsprechenden Organisationen und Gliederungen.
Überliefert ist, dass fast alle im Dorf befindlichen Personen vom Bürgermeister aufzulisten gewesen seien und sich auf dem Hof der Familie Heinrich Harder einzufinden hatten. Dort sei man noch einmal alle verfügbaren (Ausweis-)Papiere durchgegangen, es habe eine Befragung und eine ärztliche Inaugenscheinnahme gegeben, möglicherweise sogar eine „Entlausung“.
So manches Dokument liegt noch in Schmalenseer Haushalten: Ein „Certificate of Discharge“ – zu Deutsch: Entlassungsschein. Darauf wurde formell die Entlassung aus Wehrmacht, Luftwaffe, Kriegsmarine, Waffen-SS, Volkssturm, Reichsarbeitsdienst oder anderen Gruppierungen bescheinigt und der körperliche Zustand festgestellt, in der Regel „fit for labour“, also arbeitstauglich.
Das steht auch auf dem Entlassungsschein von Hans Suhr. Der kaufmännische Lehrling war am 13. Januar 1945 mit 16 Jahren zur Luftwaffe eingezogen worden. Nach vierwöchiger Ausbildung in Iserlohn erfolgte die Verlegung nach Bad Oeynhausen zum Schutz der Weserbrücken. Nach dem 20. April 1945 habe sein Flakbatterieführer keinen Sinn mehr darin gesehen, die ihm zugeteilten Teenager zu opfern, und sie mit entsprechenden Papieren aber ohne festen Auftrag Richtung Norden geschickt, so Suhr im Zeitzeugengespräch.
Er habe sich nach Schmalensee durchgeschlagen, Ende April aber in Neumünster „zum Dienst“ gemeldet. Ein Feldwebeldienstgrad dort habe ihn nur mitleidig angeschaut und mit entsprechenden Papieren „aus der Wehrmacht entlassen“. Am 29. August 1945 dann sei er auch formal von der Besatzungsmacht, nun aus der Luftwaffe (die Flugabwehr-Einheiten gehörten zu dieser), entlassen und von einem deutschen Stabsarzt in alliierten Diensten als „fit for labour“ befunden worden.
Auch für Anni Hahne schlug im Sommer 1945 die „Kriegs-Bürokratie“ noch einmal zu: Auch sie, die immer noch in Ascheberg lebte, wurde zur Entlassung einbestellt, aber weder an ihrem Wohnort, noch in einer Stadt in der Nähe: Im Sammeltransport ging es im August 1945 nach Schleswig, wo Anni Penk als „arbeitsfähig“ und mit der Berufsbezeichnung „Haustochter“ durch die 322 Battery 93rd L.A.A. Regt. R.A. aus der Luftwaffe entlassen wurde. Schleswig war offenbar als Entlassungsort für die Luftwaffenhelferinnen festgelegt worden – Ordnung musste sein...
Zusammengetragen von Christian Detlof, Mai 2025
Ein Dank für Fotos (oder ermöglichte Ablichtungen) geht an Volker Behrend, Hans Siebke (†), Anni Hahne (†), Hans Suhr (†), Wiebke Stegelmann, Sönke Böckmann und Karla Scharnweber. Das Bild mit Wera Letun ist im zitierten Buch von Karsten Dölger („Polenlager Jägerslust“) zu finden.
Bild zur Meldung: Britische Soldaten in Schmalensee 1945