Vor 115 Jahren: Wehmütige Rückschau auf die alten Weihnachtsbräuche
Vor 115 Jahren, am 25. Dezember 1910, wirft das Segeberger Kreis- und Tageblatt, Vorläufer der heutigen Segeberger Zeitung, einen recht wehmütigen Blick zurück auf ehemals in Schleswig-Holstein gepflegte Traditionen und Bräuche in der Weihnachts- und Vorweihnachtszeit, Wohlgemerkt: Eine Rückschau aus dem Jahr 1910…
„Ehemalige Weihnachtsbräuche in Schleswig-Holstein.
In der jetzigen hastig vorwärtsschreitenden modernen Zeit geht leider so mancher schöne und eigenartige Brauch verloren, der früher dem Weihnachtsfeste schon 8 bis 14 Tage vorher die richtige Weihe gab; es war ein Stück Poesie, das zum Weihnachtsfeste gehörte, ja, die Gebräuche waren teils so eingebürgert, daß es eine Beleidigung und Entehrung war, wenn ein Einwohner überschlagen wurde.
Wir nennen zuerst das Umherziehen der drei Weisen aus dem Morgenlande. Weißgekleidete junge Leute zogen von Haus zu Haus und sangen Weihnachtslieder. In den Händen trugen sie lange Stäbe, auf denen sich ein großer Stern befand. Die Leute waren überall gern gesehen und wurden reichlich beschenkt.
Ein anderer Brauch waren die ‚Sternkieker‘. Eine Anzahl fröhlicher junger Leute zog von Haus zu Haus und von Ort zu Ort. Nachdem an der Haustür in der üblichen Weise angeklopft und die Tür von dem Besitzer gerne geöffnet war, traten die Sternkieker ein und Herr und Frau, Knecht und Magd lauschten dem Gesang derselben:
‚Stern, stehe still wohl über dies Haus; es schauet Herodias zum Fenster hinaus. Wir wünschen dem Herrn einen goldenen Tisch, auf allen vier Ecken gebratene Hühner und Fisch; und in der Mitte ein Gläschen Wein, soll für des Hausherrn Gesundheit sein. Wir wünschen der Frau eine goldene Kron‘ und zum künftigen Jahr einen jungen Sohn; und der Tochter einen goldenen Kamm und zum nächsten Jahr einen hübschen Mann.‘
Dann wurde der an einer hohen Stange mitgebrachte Stern umgedreht und die Sänger verließen das Haus, nachdem zuvor die Hausfrau in den mitgebrachten Sack einige Maß Mehl geschüttet hatte. Es wurden extra für die Sternkieker 1 bis 2 Tonnen Weizen zur Mühle gebracht.
In der Weihnachtswoche erschienen auch die Arbeiter und Drescher mit allerhand Zeremonien auf dem Hof und jeder erhielt einen „bunten Stuten“. Es gab Hofbesitzer, die 60 bis 80 Stück verteilten, außerdem noch viele Rauchstücke, Nüsse und Bargeld. Unter den Weihnachtsgratulanten fehlte auch nie der treue Hüter des Nachts, der willig in jedem Haus des Orts seinen bunten Stuten und etwas Bargeld erhielt.
Eine andere alte Sitte, die allerdings auch schon auf dem Aussterbeetat steht, wird in Segeberg und an einigen anderen Orten von Kindern zu Weihnacht und hauptsächlich zu Neujahr gepflegt: Der Umgang mit dem sog. Rummeltopf. Der Topf besteht aus einem gewöhnlichen Steinguttopf, über welchen eine Schweinsblase straff gebunden ist, und in dieser ist ein Retende befestigt. Wird nun der Zeigefinger und Daumen der rechten Hand befeuchtet und an dem Retstummel auf und abgerieben, so entsteht ein brummendes Geräusch. Mit diesem wenig musikalischen Instrument gehen die Kinder in der angegebenen Zeit von Haus zu Haus und singen im Takt des Rummeltopfes ein Lied, um Gaben zu empfangen.
In hiesiger Gegend dürfte das Rummeltopflied bekannt sein: ‚Fieken, mok de Dör opp un lat den Rummel rinn, de Schipper, de vun Holland kummt, de hett een guden Sinn. Schipper, wullt du wieken, Bootsmann, wullt du strieken, sett een Segel op’n Topp, giff mi wat in’n Rummelpott. Hau de Katt denn Swanz aff, hau em nicht o lang aff, lat een lütten Stummel an, dat he weller wassen kann.“ Die Kinder erhalten Kuchen, Nüsse oder ein kleines Geldgeschenk.
Am Weihnachtsabend ziehen die Kinder gewöhnlich von Tür zu Tür und singen ‚Stille Nacht‘.“
Bild zur Meldung: Bände des Segeberger Kreis- und Wochenblatts im Archiv der Segeberger Zeitung