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Vor 95 Jahren - Einweihung des Gefallenendenkmals

Schmalensee , den 25.11.2018

Am 25. November 1923, vor 95 Jahren, versammelten sich die Schmalenseerinnen und Schmalenseer in der Ortsmitte, um das dort errichtete Denkmal für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs einzuweihen. Wo heute aller Opfer von Krieg und Verfolgung, Gewalt und Vertreibung gedacht wird, suchten gerade jene, die ihre Angehörigen und Freunde verloren hatten, einen Ort, ihrer Trauer Ausdruck zu verleihen.

 

Das Segeberger Kreis- und Tageblatt schrieb am 28.11.1923: „Am Totensonntag wurde das unsern 13 Gefallenen errichtete Denkmal eingeweiht. An der Feier nahmen nicht nur die Gemeindeglieder, sondern auch viele Auswärtige teil. Nach dem gemeinsam gesungenen Eingangslied 'Ein feste Burg' und einem von Fräulein Saggau gesprochenen Prolog hielt Lehrer Göttsch eine Ansprache, in der er der gefallenen Helden gedachte, die fast sämtlich Kinder der Gemeinde und Schüler des Redners gewesen sind. [...]“

 

Die Wogen der Ströme, sie tragen

Altdeutschlands Tränen zum Meer.

Die Täler und Berge sie klagen

und trauern so tiefernst und schwer.

 

Des Krieges erbarmungslos Wüten

hat wie ein Spätreif zur Nacht

des Vaterlands Knospen und Blüten

zum Welken und Sterben gebracht.“

 

Dies sind die ersten von sieben Strophen des Prologs, den Erna Saggau sprach. Es war der Auftakt zu einer Feier, die uns heute fern und unwirklich, wenn nicht völlig unpassend aufgrund dessen vorkommt, was wir über die Zeit wissen, die im Januar 1933 anbrechen sollte.

 

Das Gefallenendenkmal von 1923 war als Schlussstein unter eine gemeinsam durchlebte Schicksalszeit verstanden worden. Eine Zahl: Am 16.11.1915 standen bereits 54 Einwohner Schmalensees im Felde. Sie waren die Söhne der Bauern und von deren Landarbeitern. Auch Familienvorstände waren unter den als „Krieger“ Bezeichneten. Etwa Ludwig Saggau, früherer Besitzer des Gasthofs, der im März 1917 zum stellvertretenden Gemeindevorsteher wiedergewählt wurde – in Abwesenheit: „Der Gewählte ist im Felde“, wie es im Segeberger Kreis- und Tageblatt vom 20. März 1917 hieß. Oder Willi Siebke, der seit 1906 Schmalensees Feuerwehr-Hauptmann war.

 

Der Krieg 1914-1918 wirkte sich von Beginn an unmittelbar auf jedes kleine Dorf aus. Es häuften sich die Meldungen, die wir im Zeitungsarchiv nachlesen können: Früh setzten Aufrufe zu Sachspenden ein, bevorzugt Verbandsmaterial; die Verwundung eines Schmalenseers wird genannt, dann der erste Vermisste; Tanzveranstaltungen fallen aus, schließlich ein erster Gefallener – Ludwig Jäger (20.09.1914). Der letzte Kriegsgefallene dieses Konflikts war Friedrich Voß. Schmalensees Gastwirt kam am 23.08.1918 ums Leben.

 

Nicht in allen Fällen der am Denkmal festgehaltenen 13 Namen gab es Gewissheit über den Verbleib der Menschen, die sie trugen. Dass man bis 1923 wartete, hatte u.a. damit zu tun, dass August und Hans Stegelmann, Söhne des Kätners August Stegelmann, bereits seit September bzw. Oktober 1914 vermisst wurden und ihr Schicksal ungeklärt blieb.

 

Bis dahin hatte man in Amt und Kirchengemeinde Bornhöved der Trauer auf vielfältige Weise Ausdruck verliehen. Noch heute hängt im Feuerwehrgerätehaus eine Ehrentafel mit den Bildnissen der 13 Gefallenen des Ersten Weltkrieges. Sie wurde von der Kasseler Firma Blanckhorn gefertigt. Die Kosten, 960 Mark, wurden durch freiwillige Spenden aufgebracht. Am 28. Februar 1921 wurde die Tafel im Schulzimmer feierlich eingeweiht.

 

Am 26. November 1922 wurde das Kirchspielkriegerdenkmal an der Vicelin-Kirche in Bornhöved eingeweiht. Die damals angebrachte Bronzeplatte wies auf 160 Gefallene aus der ganzen Kirchengemeinde hin. Deren Namen wurden auf Gedenktafeln festgehalten, die im Innern der Kirche angebracht wurden und noch heute bestehen.

 

Für das Schmalenseer Denkmal war man zunächst dem Plan nachgegangen, dieses an der Dorfeiche, am so genannten Dreiecksplatz zu errichten. Dort befand sich bereits der Gedenkstein für die Kriege 1848/51 und 1870/71, an denen auch Schmalenseer teilgenommen hatten. Nach Chronist Heinrich Göttsch sorgte der Währungsverfall der frühen 1920er Jahre dafür, dass diese Idee zunächst fallen gelassen wurde und man später zum jetzigen Standort kam.

 

Göttsch schreibt: „Hufner Otto Saggau (Bruder von Ludwig Saggau; heute Hofstelle Dirk Griese) stellte den Platz zur Verfügung […]. Die Kosten beliefen sich auf 30 Zentner Roggen. Bis auf einen Betrag, der im Sommer gesammelt wurde, nahmen die Landleute die Leistung auf sich.“ Die Ausführung der Arbeiten lag bei Steinsetzmeister Johannes Suhr aus Bornhöved (einem gebürtigen Schmalenseer). Im Gemeindearchiv existiert noch das Sparbuch der Spar- und Leihkasse für Bornhöved, Schmalensee und Gönnebek, auf dem das Geld – über eine Million Mark – gesammelt worden ist; Währungsverfall.

 

„Die Gräber gefallener Krieger,

an denen die Liebe heiß weint,

sie bleiben – Besitztum der Sieger –

doch immer mit Deutschland vereint.“

 

Strophe drei des Prologs von Erna Saggau. Das Denkmal als Ersatz für Gräber, die wenigsten Kriegstoten konnten in der Heimat bestattet werden. Und innerhalb Europas reiste es sich nicht so leicht wie heute. Die Kriegsgräber in Frankreich oder Russland waren beinahe unerreichbar. Lehrer Heinrich Göttsch, der selbst einen Sohn verloren hatte, stellte in seiner Rede zur Denkmalseinweihung die Frage „ob unsere Söhne umsonst gefallen sind?“.

 

Möglicherweise haben viele den nächsten großen Krieg, der noch grausamer werden und weit mehr Opfer fordern sollte, ab 1933 als zunächst positive Antwort auf diese Frage verstanden. In der Hoffnung, ein „Führer“ würde Schmach und Trauer von 1918 überwinden helfen. Als am 1. Mai 1933 in Amt und Kirchspiel Bornhöved der erste „Tag der nationalen Arbeit“ gefeiert wurde, drückte sich das so aus: Nach einem Umzug durch Bornhöved begaben sich die Teilnehmer nach Schmalensee, wo am Gefallenendenkmal eine so genannte „Hitler-Eiche“ gepflanzt wurde. An des „Führers Geburtstag“, vom NSDAP-Ortsgruppenführer Apotheker Ahrens (Bornhöved) als „Schmied der Freiheit“ bezeichnet, sollte es in den folgenden Jahren zu weiteren Feierstunden kommen. Die Gefallenen des Ersten Weltkrieges wurden nun zu Helden stilisiert, deren Tod nicht umsonst gewesen sei, denn der verlorene Krieg habe den Weg zur so genannten „Nationalen Revolution“ unter Hitler geebnet.

 

Aber auch dieser Irrglaube sollte sein Ende in einem verlorenen Krieg finden, aus dem weitere zehn Schmalenseer „Krieger“ nicht heimkehren sollten. Am 26.04.1952 berichtete die Segeberger Zeitung von der Absicht der Schmalenseer Gemeindevertretung, das Ehrenmal zu erweitern. Auf einer zusätzlichen Tafel wurden die Namen der Gefallenen des Zweiten Weltkrieges angebracht. Und ein Gedenkspruch: „Ehret die Gefallenen und Opfer der Weltkriege“ – eine Aufforderung, die alle Opfer einschließt.

 

Heute gedenken Schmalenseer am Volkstrauertag nicht nur der gefallenen Soldaten ihres Dorfes, nicht nur der Opfer zweier Weltkriege. Das Gedenken ist auf die Zukunft ausgerichtet, verbunden mit der Hoffnung, dass Krieg und Verfolgung, Gewalt und Vertreibung weltweit ein Ende finden. Die 23 als gefallen geltenden Schmalenseer, deren Namen am Denkmal angebracht sind, mögen heute einem jeden unbekannt sein. Sie stehen symbolhaft dafür, dass jedes Opfer von Gewalt einen Namen hat, ein Leben ist, dass gekränkt, verletzt und genommen werden kann – deshalb ist ein Nachdenken und Innehalten am 1923 eingeweihten Gefallenendenkmal in Schmalensee auch heute kein sinnloses Verweilen.

 

Christian Detlof

 

Foto: Denkmal Schmalensee 2013

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Denkmal (25.11.2018)

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