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Vor 100 Jahren: Schmalenseer gedenken der Gefallenen des Ersten Weltkriegs mit einer Ehrentafel

04. 03. 2021

„Als ein Bornhöveder berittener Bote den Mobilmachungsbefehl überbrachte, durchzuckte selbiger wie ein elektrischer Funke die Bevölkerung.“ So beschreibt Schmalensees Dorflehrer Heinrich Göttsch in seiner erst 1948 veröffentlichten, aber eigentlich nach seiner Zurruhesetzung 1933 entstandenen „Chronik für Schmalensee“ den Beginn des Ersten Weltkriegs am 1. August 1914.

 

Alle wehrfähigen und in der Reservistenorganisation, dem Landsturm erfassten Männer des Dorfes hatten laut Göttschs Wiedergabe längst „Ordre, sich am soundsovielten Mobilmachungstage zu stellen“. Erst sollten es 20, nach wenigen Monaten 30 Männer sein, die das keine 400 Einwohner kleine Dorf zu ihren Einheiten verlassen. Am 16. November 1915 wird ein Spitzenwert erreicht: 54 Männer des Dorfes, Hofbesitzer, Handwerker, Studenten, Knechte, stehen „im Felde“.

 

Im September 1914 werden die ersten verwundeten Schmalenseer im Segeberger Kreis- und Tageblatt aufgeführt, das anfangs noch die sogenannten Verlustlisten abdruckt. Als die Zahl der Gefallenen derart ansteigt, dass die Moral der Bevölkerung sinken könnte, unterlässt man es, außer Todesanzeigen und kurzen Meldungen ganze Namenslisten zu verbreiten. In Schmalensee wird am Ende des Krieges aber eine Liste bestehen, die 13 Namen enthält. Die der Gefallenen und Vermissten. Der erste Gefallene ist Ludwig Jäger am 20. September 1914 – später stellt sich heraus, dass August Stegelmann schon seit dem 6. September 1914 als vermisst gilt; der letzte Gefallene wird am 23. August 1918 Gastwirt Friedrich Voß sein.

 

Wie sehr die Kriegsniederlage, aber auch der Verlust an Menschenleben an den Schmalenseern gezehrt haben mag, dafür steht die in den 1920er-Jahren einsetzende Erinnerungskultur. Ein imposantes Gefallenen-Denkmal, das heute noch am selben Platz in der Dorfstraße zu finden ist – es wurde in den 1960er-Jahren wegen der Gefallenen des Zweiten Weltkriegs erweitert –, und eine Ehrentafel, die einst im Schulhaus angebracht war und dann in die Verantwortung der Freiwilligen Feuerwehr übergeben wurde. Diese Tafel wurde am 28. Februar 1921 feierlich eingeweiht. Vor 100 Jahren, am 4. März 1921, berichtete das Segeberger Kreis- und Tageblatt davon.

 

Überschrieben hat Heinrich Göttsch sein Chronik-Kapitel mit „Ehrung der gefallenen Helden“. Eine Begrifflichkeit, die 100 Jahre später mit dem Wissen unserer Zeit um Kriegsschuld und -folgen sowie das Schlachtgeschehen alles andere als zeitgemäß ist. Eine Denkweise, die schon nach Ende des ersten Wegbereiter des zweiten großen Krieges sein sollte. Aber sie dokumentiert die vorherrschende Haltung in Schmalensee in damaliger Zeit. Sie veranschaulicht im Heute Emotionen von damals und hilft uns vielleicht, zu verstehen, wie Schmalensee in der Zeit nach dem Zusammenbruch des Kaiserreichs und in den Anfangsjahren einer kritisch beäugten Republik „tickte“.

 

Die Einweihung der Ehrentafel fand am 28. Februar 1921 nach Abhalten der Schulprüfung im Schulzimmer statt. Durch Spenden waren die 960 Mark zusammengekommen, die der Firma Blanckhorn in Kassel für Herstellung, Verpackung und Transport der gerahmten Tafel zu zahlen waren. Reden und Gesang sowie „Deklamationen“ standen unter dem Wort „Das tat ich für Dich, was tust Du für mich?“ - ganz im Sinne eines „Sie fielen für das Vaterland“ oder „für uns“. Viel mehr konnte ein Dorf seinen toten Söhnen nicht entgegenbringen außer dieser Form der „Dankbarkeit“ oder halt „Heldenverehrung“.

 

Heinrich Göttsch selbst mag eine treibende Kraft hinter der Anschaffung der Tafel gewesen sein, die dem Bau eines Denkmals, das als eines der letzten in der Kirchengemeinde Bornhöved am 25. November 1925 eingeweiht wurde, voranging. Denn Göttsch war nicht nur Verwalter von Protokollen und Finanzen vieler Vereine und Organisationen sowie als Dorflehrer mit wohl allen Familien im Ort bekannt: Er hatte auch seinen Sohn Bruno verloren. Der Offiziersanwärter erlag am 20. Oktober 1917 in einem Lazarett im Baltikum seiner Verwundung. Noch nicht im Zuge der Einweihung der Ehrentafel, aber bei der des Denkmals fragt Göttsch in seiner Rede, „ob unsere Söhne umsonst gefallen“ seien.

 

Allein diese Frage lässt, 100 Jahre später, breiten Raum zur Interpretation. Im Kontext des Passus zum damaligen Zeitgeist muss man wissen, dass noch immer die Forderungen des Versailler Vertrages und die angeordnete Ablieferung landwirtschaftlicher und industrieller Erzeugnisse an die Sieger des Ersten Weltkriegs auf der Bevölkerung lasteten. Das würde auf Revanchismus hinweisen, den erst die Nationalsozialisten durch einseitige Aufkündigung des Vertrages, Wiedereinführung der Wehrpflicht und anschließende „Rückgewinnung“ verlorener Gebiete zu befriedigen wussten.

 

Im heutigen Denken steht die Frage aber auch für die Erkenntnis der Unsinnigkeit des Massensterbens auf den Schlachtfeldern, dem starrsinnigen Festhalten Deutschlands an seinen expansiven Kriegszielen auf Kosten immer weiterer Toter.

 

Die Namen auf der Gedenktafel von 1921:

 

  • August Stegelmann, Sohn von Kätner August Stegelmann, vermisst am 6. September 1914
  • Ludwig Jäger, Sohn von Landmann Heinrich Jäger, gefallen 20. September 1914
  • Hans Stegelmann, Sohn von Kätner August Stegelmann, vermisst 23. Oktober 1914
  • Hans Blunk, Sohn von Landmann August Blunk, gefallen 16. Juni 1915
  • Hans Jürgens, Sohn von Schäfer Detlev Jürgens, gestorben 30. September 1915
  • Alfred Delfs, Gärtner, gestorben 1. Juni 1916
  • Richard Burmeister, Sohn von Arbeiter Christian Burmeister, gestorben 29. August 1916
  • Adolf Blunk, Sohn von Landmann August Blunk, gestorben 29. April 1917
  • Hans Schenk, Sohn von Witwe Anna Schenk, gefallen 16. August 1917
  • Bruno Göttsch, Sohn von Lehrer Heinrich Göttsch, gestorben 20. Oktober 1917
  • Wilhelm Kronfeldt, Sohn von Arbeiter August Kronfeldt, gefallen 22. März 1918
  • Johannes Burmeister, Sohn von Arbeiter Christian Burmeister, gefallenen 31. Mai 1918
  • Friedrich Voß, Gastwirt, gefallen 23. August 1918

 

Vermisst, gestorben, gefallen: Einige erlagen nach Teilnahme an Kämpfen und Strapazen Tage oder Wochen später ihren Verletzungen oder Erkrankungen. Zwei mussten für tot erklärt werden, nachdem ihr Schicksal lange ungeklärt war.

 

Die vor 100 Jahren eingeweihte Gedenktafel ist für Schmalensee ein einzigartiges Dokument, vielleicht sogar ein Schatz, der uns anschaulich und greifbar eine Zeit vor Augen führt, die unser Dorf prägte. Die Tafel ist einzigartig (auch wenn in vielen Orten auf vielfältige Weise der Kriegstoten gedacht wurde), weshalb sie trotz der Verklärung des „Heldentodes“ im Rahmen einer historisch-politischen Bildung der Einwohner weiter im öffentlichen Raum Platz finden sollte.

 

 

 

 

 

 

Bild zur Meldung: Die Gedenktafel 1914-18 hängt im Feuerwehrgerätehaus

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Tafel (04. 03. 2021)

 
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